Saudi-Arabien – der Südwesten

30.11. – 09.12.2022

Nach der geschäftigen und feucht heissen Grossstadt Jeddah suchen wir etwas Ruhe und ziehen uns in der Gesellschaft des jungen Paares vom «Frosch» für eine Nacht ins ausserhalb von Jeddah gelegene «Moon Valley» zurück. Hier in der Halbwüste geniessen wir einen geselligen und unterhaltsamen Abend.

Mit Ziel «At Ta’if», das südlich von Mekka liegt, fahren wir am folgenden Morgen mit frischem Elan los. Wir steuern den Berg «Jabal Dakka» (2500 m) und den Höhenort «Ash Shafa» (2250 m) im Hinterland von At Ta’if an. In Ash Shafa können wir verschiedenste touristische Attraktionen und Aktivitäten miterleben, wie sie von der Bevölkerung Saudi-Arabiens offensichtich geliebt und entsprechend intensiv genutzt werden.

Die Stadt At Ta’if auf 1880 m, der Ort «Al Hada» und die umliegenden Täler liegen in einem relativ regensicheren Gebiet und sind das saudische Zentrum der Rosenwasser- und Rosenölproduktion. Ganze Täler sind mit Rosen bepflanzt, die hier optimale Wachstumsbedingungen vorfinden und im Frühling alle gleichzeitig ihre intensiv duftenden Blüten öffnen. Da wir im Winter hier sind, bleibt uns dieses Spektakel leider verwehrt. So besuchen wir eine Rosen- und Kräutergärtnerei, durch die wir eine spontane Führung erhalten. Wir verabschieden uns mit einem duftenden Strauss aus Rosenblüten und Kräutern, der uns für ein paar Tage den Duft des Frühlings in unsere vier Wände bringt.

Der «Shubra Palace» ein Wahrzeichen von At Ta’if ist leider geschlossen und so bummeln wir etwas länger durch den Souk, auf dem es neben verschiedensten lokalen Produkten auch Honig in einer Vielzahl von Varianten und Farben zu kaufen gibt.

Unser nächstes Ziel ist die Stadt «Al Baha». Für die Fahrt dorthin wählen wir die Touristenroute. Auf dieser sind wir zwar etwas länger unterwegs, dafür sind wir häufig fast allein auf dieser Strasse, die durch spektakuläre meist unbewohnte Gegenden führt. Bei Ankunft in Al Baha auf 2260 m fahren wir in ein Gewitter und bei Einbruch der Dunkelheit reduziert dicker Nebel unsere Fahrtgeschwindigkeit auf maximal 15 Kilometer pro Stunde. Al Baha hat ca. 500’000 Einwohnende und liegt auf einer Hochebene im gebirgigen Hochland entlang der saudi-arabischen Westküste. Die Stadt ist von mehreren Wäldern umgeben und zählt zu den grünsten Gegenden des Landes. Wir übernachten beim «Rhagadan Park» einem Naherholungsgebiet von Al Baha, das die bewohnte Gegend nach Westen begrenzt. Bei einem Kurzbesuch im Park stellen wir am nächsten Morgen überrascht fest, dass das Gelände unmittelbar beim Park ca. 700 Meter fast senkrecht in ein weites Tal abfällt.

Nach einer eindrucksvollen Fahrt ins Tal mit spektakulärer Sicht auf die «Sarawat» Bergkette, erreichen wir am nächsten Mittag das historische Dorf «Thee Ain». Dieses wurde im 14. Jahrhundert AD in der hiesigen Oase gegründet. Aufgrund seiner gesicherten Versorgung mit Wasser und seiner strategisch geschickt gewählten Lage an einer wichtigen Handelsroute war der Ort in seiner Geschichte wiederholt hart umkämpft.

Im Rahmen der Al Baha & Saudi Vision 2030 wurde Thee Ain mit staatlicher Unterstützung restauriert und instand gestellt. Ziel sei es, den Ort wieder zu beleben, besser zu erschliessen und so touristisch attraktiver zu machen. Beim Schlendern durch die Gassen beschleicht uns der Verdacht, dass europäische ArchitektInnen hier ihre Inspiration für den gegenwärtig so aktuellen kubischen Baustil geholt haben …

Unsere Reise führt zurück auf die Hochebene und via den Ort «Al Bashayer» weiter Richtung «Abha», der Hauptstadt der Provinz «Azir». Unterwegs zweigen wir von der Hauptstrasse ab und erreichen nach einer weiteren recht abenteuerlichen Fahrt ins Tal das «Rijal Almaa Heritage Village». Kaum unten angekommen, befinden wir uns mitten in einem Platzregen und entscheiden uns für einen frühen Feierabend.

Rijal Almaa wurde vor ca. 900 Jahren gegründet und liegt wie Thee Ain in einem fruchtbaren Tal an einer ehemaligen Handelsroute. Zu seiner Zeit war dieser Ort ein ideal gelegenes Handelszentrum und ein bedeutender Durchgangsort für Reisende von Yemen nach Mekka und Medina und weiter in den Levant und umgekehrt.

1985 wurde von der lokalen Bevölkerung in Rijal Almaa ein Museum eingerichtet und ab 2015 begannen vom Staat finanzierte Restaurierungsarbeiten. Heute befindet sich der Ort, in dem einige Häuser noch bewohnt sind, zum Teil wieder in seinem «Originalzustand». Vor Ort sind leider keine weiteren Informationen erhältlich. So spazieren wir unbelastet von Fakten und Zahlen durch den restaurierten vorderen Teil des alten Städtchens. Dieser vermag allerdings nur bedingt von den vielen dem Zerfall preisgegebenen, etwas weiter hinten gelegenen Häusern, abzulenken. Bei einem arabischen Kaffee und Datteln im wunderschönen Restaurant des Ortes sinnieren wir anschliessend über die Vernachlässigung bzw. willentliche Zerstörung von Kulturgütern in Saudi-Arabien und über erklärte Ziele, Ausmasse, Auswirkungen und Sinn saudischer Tourismusprojekte.

Rijal Almaa Heritage Village

Am späteren Nachmittag treffen wir dann in Abha auf 2230 m ein. Wie Al Baha gehört Abha zu den bedeutendsten auf den äusserst fruchtbaren westlichen Hochebenen Saudi-Arabiens gelegenen Städten. Diese profitieren von einem ganzjährig milden, ausgeglichenen Klima mit ausreichend Niederschlag. Sie sind auf einheimische Touristen ausgerichtet, die während der heissen saudischen Sommermonate in der Kühle der Berge Erholung suchen.

Abha entpuppt sich als attraktive Stadt mit Temperaturen von gegenwärtig bis zu 25°. Wir machen uns auf die Suche nach dem «Shada Palace» einem bekannten Monument der saudi-arabischen Geschichte. Nach langer Suche entdecken wir diesen hinter einer mehreren Meter hohen Mauer. Es zeigt sich, dass er für BesucherInnen unzugänglich ist. Weitere Besuche historischer Stätten erweisen sich auf Grund von Vernachlässigung ebenfalls als Enttäuschung. Nach einigen Versuchen geben wir die Suche nach gut erhaltenen Zeugen vegangener Zeiten auf, gehen an der als Park gestalteten «Art Street» spazieren und freuen uns auf das «Al Muftaha Art Village», das als Zentrum künstlerischen Gestaltens angekündigt wird. Leider ist dieses wegen Umbaus geschlossen. Abends trifft als Aufsteller der «Frosch» in Abha ein und gemeinsam mit dem jungen Paar aus der Schweiz verfolgen wir das Fussballspiel der Schweiz gegen Portugal. Ich denke, dass sich ein Kommentar dazu erübrigt …

In der Hoffnung in der Gegend doch noch intakte Kulturgüter zu finden, fahren wir am kommenden Tag noch etwas weiter in den Süden zum «Al Yanfa Historical Village». Dort treffen wir ein Dorf an mit einer ganzen Reihe von gut erhaltenen historischen Gebäuden. Einige weitere wie auch Wege, Wasserkanäle und unterirdische Gänge werden restauriert. Die Gebäude sind gemäss lokaler Auskunft ca. 500 Jahre alt und durch unterirdische Gänge miteinander verbunden. Viele Häuser sind noch bewohnt und wurden teilweise den heutigen Bedürfnissen angepasst. Der Besitzer eines in ursprünglichem Zustand erhaltenen Hauses lädt uns zu Kaffee, Datteln und Tee ein und führt uns anschliessend durch sein Haus. Zusätzlich erklärt er uns die ehemalige und gegenwärtige Verteilung des Quellwassers innerhalb des Dorfes und in der äusserst fruchtbaren Umgebung, in der Früchte, Gemüse und Getreide angebaut werden.

Mit dieser Erfahrung schliessen wir unseren Besuch des saudi-arabischen Südwestens ab und in der Stadt «Khamis-Mushait» starten wir unsere gut 1000 km lange Fahrt nach «Riyadh», der Hauptstadt Saudi-Arabiens.

Unterwegs übernachten wir zwei Mal in der Wüste und ganz zufällig auf einem 12 km2 grossen landwirtschaftlichen Betrieb. Dort werden wir mit der in Saudi-Arabien üblichen Gastfreundschaft herzlich willkommen geheissen und bewirtet. Nach Kaffee, Datteln, Tee und Kamelmilch zeigt uns der Besitzer seine Farm und erklärt uns die Besonderheiten und Herausforderungen eines solchen Betriebes unter saudi-arabischen Voraussetzungen. Reich mit Datteln, Tomaten und Zitronen beschenkt, fahren wir am kommenden Morgen bei einsetzendem Regen los. Bei strahlendem Sonnenschein ereichen dann wir gegen Mittag die 10-Millionen-Stadt Riyadh.