Oman – der Westen
22.12.2022. – 08.01.2023
Kurze Rückblende: Bei unserer letzten Übernachtung in Saudi-Arabien treffen wir eine Reisegruppe, die plant ein paar Tage durch den omanischen Teil der «Rub al-Khali» zu fahren. Wir sind begeistert von einem solchen Vorhaben. Da für ein derartiges Unterfangen aus Sicherheitsgründen mindestens zwei 4 x 4 Fahrzeuge zusammen unterwegs sein sollten, nimmt Markus mit René Schmid Kontakt auf. René ist ein Schweizer, der seit Jahren mit seinem Heim auf Rädern und seinen zwei vierbeinigen Begleiterinnen die Welt bereist. Getroffen haben wir ihn und Sandra, sowie ein weiteres Paar aus der Schweiz auf dem Stellplatz in Riyadh und dann wieder am Camel Festival. Zurzeit sind sie etwa zwei Tage hinter uns auf der gleichen Strecke unterwegs wie wir. Bald meldet René zurück, dass er und Sandra und auch das andere Paar gerne bei einer Rub Al-Khali-Fahrt mitmachen.
Mittlerweile haben wir die Grenze überquert und befinden uns auf der Fahrt nach «Ibri», der ersten grösseren Stadt in Oman. Wir besorgen uns eine Sim-Karte und Bargeld. Danach suchen wir unseren ersten Übernachtungsplatz in diesem Land. Diesen finden wir auf dem Parkplatz beim «Ibri Castle». In dessen unmittelbarer Nähe jeweils am Freitagmorgen (Sonntagmorgen in Oman) ein Kleinviehmarkt stattfindet, den wir anderntags besuchen wollen.



Wir verbringen eine ruhige Nacht und stellen um 06.30 Uhr fest, dass sich der grosse Parkplatz bis auf den letzten Platz gefüllt hat, während wir noch friedlich schliefen. Wir beeilen uns mit dem Frühstück und gehen zur überdachten Markhalle. Dort herrscht schon emsiges Treiben und die meisten der zum Verkauf bestimmten Schafe und Ziegen scheinen schon vor Ort zu sein. Die Halle füllt sich mit Männern und einigen wenigen Frauen, die sich in einer Ecke der Halle eingefunden haben. Die Stimmung ist angeregt und offensichtlich kennt man sich. Wir sind die einzigen Fremdlinge und werden als solche respektiert. Wie auf Kommando beginnen die Verkäufer mit erhobener Stimme ihre Tiere anzupreisen. Dabei werden diese im Kreis durch die Menschenmenge geführt, in der sich wie von selbst eine ovale Gasse gebildet hat. Die Lautstärke steigert sich kontinuierlich, bis es unmöglich ist, sich mit Worten zu verständigen. Daher werden Geschäfte häufig mittels Zeichensprache abgeschlossen. Die Frauen sitzen in der ersten Reihe am Boden und beteiligen sich aktiv am Geschehen. Hautnah können wir eine lebendige omanische Tradition miterleben, die in unserer hochtechnisierten Welt etwas unwirklich anmutet. Wir lassen uns gefangen nehmen von der Natürlichkeit des Geschehens. Nach ungefähr einer Stunde reduziert sich der Lärmpegel so spontan, wie er sich gesteigert hat. Nach einer weiteren Stunde ist das Ganze vorbei und der Parkplatz wieder so leer wie am Abend zuvor.






Inzwischen ist es der 23. Dezember. Von Weihnachten spüren wir ausserhalb unseres WoMos nichts. Wir kaufen Vorräte und füllen an der nahen Moschee Wasser auf. Etwas später fahren wir auf den «Hausberg» von Ibri, wo wir eine uneingeschränkte Sicht über die Stadt geniessen können. Auf dem Hügel befindet sich in drei riesigen Reservoirs der Trinkwasservorrat von Ibri. Von hier aus wird das Quellwasser, das aus den nahen Bergen hergeleitet wird, in die ganze Stadt verteilt. Bei unserer Ankunft werden wir von der Wache begrüsst und erhalten die Erlaubnis die Nacht auf dem weiten Platz vor dem Eingangstor zu verbringen. Der diensthabende Manager führt uns wenig später sichtlich stolz durch die fast nagelneue Anlage. Dann werden wir noch mit Wasser versorgt und zum Tee eingeladen. Diese Einladung lehnen wir allerdings dankend ab, da es mittlerweile Zeit ist, das Nachtessen zu kochen.

Anderntags verschieben wir uns in die Halbwüste ausserhalb von Ibri, wo waschen und haushalten angesagt ist. Nach einem einfachen Nachtessen verbringen wir einen ruhigen und besinnlichen Heiligabend an einem kleinen Feuer – wie die Hirten auf dem Felde. Engel hingegen besuchen uns leider keine …




Am nächsten Tag füllen wir Wasser nach, tanken bis oben voll und laden zusätzliche 60 Liter Diesel in Kanistern ein. Dann machen wir uns auf den Weg zum vereinbarten Treffpunkt. Alles klappt und am gleichen Nachmittag starten wir zu sechst mit drei Fahrzeugen auf unsere Fahrt in die Rub Al-Khali. Es werden faszinierende, lehrreiche, aber auch herausfordernde Tage, die uns ganz sicher in Erinnerung bleiben werden.

Zum Auftakt holt sich der MAN einen Plattfuss. Nach ca. anderthalb Stunden und hochmotiviertem männlichen Einsatz geht es weiter. Das Wetter ist perfekt. Nie kommt starker Wind auf und während der Nacht wird es angenehm kühl. Die von uns gewählten Übernachtungsplätze liegen jeweils am Fuss von Dünen und sind einer wie der andere einmalig schön.


Die Pisten sind mal tief mit Sand zugeweht. Dann gibt’s waschbrettartige Rüttelpassagen, die das ganze Auto und fast auch unsere Knochen und Zähne klappern lassen. Es folgen Strecken durch Sandkrusten ehemaliger Salzseen, die beim Drüberfahren knistern wie Wunderkerzen und ist der Sandboden neben der Piste mal nicht zu tief, gibt’s wunderschön weiche Schwebefahrten. Wir kommen gut voran. Die Szenerie ist ungeahnt schön und wir können eine faszinierende, uns bisher vollkommen unbekannte Welt erleben.

Am vierten Tag treffen wir mitten in der Wüste auf eine Imkerei. Der Eigentümer erklärt uns, dass während der kurzen Zeit, in der die Wüste blüht, an geeigneten Orten Bienenvölker aufgestellt werden. Die Produktion von Bienenhonig sei im Oman gut etabliert und der Honig werde als Spezialität auf den Souks verkauft. Als Geschenk erhalten wir zwei Gläser Wüstenhonig mit auf den Weg.




Ein paar Stunden später passieren wir eine Gasförderstelle (Kohlenwasserstoff). Da gerade Mittag ist, werden wir vom zuständigen Manager mit einem feinen Essen aus der Kantine überrascht. Wir erhalten noch die Telefonnummer, für den Fall, dass wir Hilfe brauchen (… und Internetempfang haben) sollten.


Am frühen Nachmittag des fünften Tages geht’s dann leider nicht mehr weiter. Nach der Überwindung mehrerer Seitenarme einer Düne verschwindet die Piste, der wir bis dahin gefolgt sind im Sand und soweit das Auge reicht ist kein Anhaltspunkt für ein Weiterkommen auszumachen. Nach einer Erkundungstour zu Fuss und kurzer Beratung im Team geben wir uns geschlagen und kehren um – und das nur etwa drei Kilometer (… und eine ca. 150 Meter hohe Düne) von unserem Zwischenziel entfernt. Die 80 km lange Fahrt zurück zur letzten Abzweigung nehmen wir zügig unter die Räder, da wir am Silvester in «Salalah» sein wollen. Nach einem weiteren etwas weniger enthusiastischen Radwechsel beim MAN und einer letzten Übernachtung in der Wüste erreichen wir am nächsten Mittag wieder befestigte Strassen.

Wie beabsichtigt treffen wir am frühen Nachmittag des 31. Dezember 2022 in der Küstenstadt Salalah ein. Was für ein Kontrast! Erst noch haben wir in der Wüste inmitten von Dünen übernachtet und nun fahren wir durch eine tropisch anmutende Stadt, deren Strassen gesäumt sind von Kokospalmen, sattgrünen Rasenflächen und blühenden Sträuchern. Wir stellen unsere Fahrzeuge an den Strand und geniessen das erfrischend kühle Wasser und die feuchte Luft.

Als Dank für die Unterstützung bei den Radwechseln werden wir von Martin, dem Besitzer des MAN, zum Nachtessen eingeladen. Mit einem «Frozen Yoghurt» statt einem Glas Champagner heissen wir dann gemeinsam das neue Jahr willkommen.
Salalah ist die zweitgrösste Stadt des Oman. Sie liegt einerseits am Meer und andererseits am Fuss des «Jabal Qara» (1200 m). Salalah profitiert vom «Khareef», einem Monsunregen, der das Gebiet jeweils ab dem Frühsommer mit reichlich Niederschlägen versorgt. Mit Einsetzen des Regens wird das Gebiet für die Sommer- und Herbstmonate zu einem grünen Paradies, das viele Besucher aus der restlichen arabischen Halbinsel anzieht. Die Gebirgshänge und die Hochebenen sind teilweise bewaldet und während den Monaten des Monsuns wächst überall üppiges Gras, das von Rindern, Kamelen, Ziegen und Schafen eifrig verspeist wird. In den Ebenen gedeihen tropische Früchte und im Schatten von Kokospalmen, Bananen- und Papayabäumen werden Gemüse und Kräuter angebaut. Die durchschnittliche Tagestemperatur beträgt rund 29 Grad, während es nachts um 23 Grad warm bleibt.




Am Strand von Salalah lassen wir, wie viele Einheimische auch, die Seele baumeln, beobachten die Vögel in der nahen Lagune und geniessen ab und an einen feinen Kaffee an der nahen Strandpromenade. Nach drei Tagen fahren wir etwa 80 Kilometer Richtung Jemen an den dortigen Strand, der bedeutend ruhiger ist. Die einzigen regelmässigen Besucher sind Kamele, die morgens und abends vorbeikommen. Wir brauchen wieder einmal etwas Bewegung und entscheiden wir uns für den ca. 13 Kilometer langen «Camelhead Trail» entlang des Gebirges Richtung Osten. René und Sandra und ihre beiden Hunde begleiten uns. Es geht rauf und runter und wo die Wadis ins Meer münden, liegen versteckt wunderschöne Buchten. Wir geniessen die Sicht über die Weiten des Meeres und freuen uns an der uns zum grössten Teil unbekannten Flora, in der ab und zu ein Weihrauchbaum («Boswellia sacra») zu entdecken ist.



Da unser 30-Tage-Visum für unseren Aufenthalt in Oman nicht ausreicht, wollen wir dieses gleichentags noch verlängern. Leider ist die dazu erforderliche Polizeistation in Salalah schon geschlossen, weshalb wir uns entschliessen, ins «Wadi Darbat» zu fahren. Die Niederschläge des Monsuns und die Quellen im hinteren Teil dieses Tals speisen einen Wasserlauf, Wasserfälle und kleine Seen. Das frische frei fliessende Wasser ist für die Bevölkerung des Wüstenstaates ein unwiderstehlicher Anziehungspunkt. Leider ist das Tal Opfer touristischer und dank seiner Fruchtbarkeit auch landwirtschaftlicher Übernutzung geworden und hat entsprechend viel seiner Ursprünglichkeit und Attraktivität verloren.


Nach einer Übernachtung am Strand von «Taqah», besuchen wir am nächsten Morgen zeitig die Ruinen der historischen Stadt «Samhuram». Vom 4. Jahrhundert vor bis ins 5. Jahrhundert nach Chr. war Samhuram ein Zentrum des Weihrauchhandels. Allerdings wurde diese Stadt vom König der Hadramauten (heutiger Jemen) gegründet, um deren Einfluss auf den «Dhofahr» zu festigen und den Weihrauchhandel zu kontrollieren. Neben Samhuram existierten gleichzeitig mehrere jedoch von Einheimischen kontrollierte Häfen (z. B. Taqah, Mirbat, Al Baleed). Allesamt verdankten sie Reichtum und Macht dem Handel mit Weihrauch.


Nach diesem Besuch in der Geschichte des Weihrauchhandels fahren wir los Richtung «Muscat» und sind gespannt auf die gut 1100 km lange Fahrt entlang der Küste und durch das entsprechende Küstengebirge.