
Die erste Etappe zu unserem heutigen Übernachtungsplatz führt nach Egilsstaðir, wo wir uns mit dem nötigen Proviant eindecken. Die Kosten für Lebensmittel sind in Island in etwa gleich hoch wie in der Schweiz. Dann geht die Fahrt weiter dem gut 25 km langen und 53 km2 grossen See Lögurinn bzw. Lagarfljót entlang bis zum Campingplatz beim Gästehaus Hengifoss. Grausilbern liegt der See unter dem wolkenverhangenen Himmel und hinterlässt einen fast etwas traurigen Eindruck.
Unterwegs zum Campingplatz kommen wir am Startpatz der Wanderung zum Hengifoss, dem hängenden Wasserfall, vorbei und nach einem kurzen Informationshalt steht unsere Aktivität für den morgigen Tag fest. Beim Gästehaus Hengifoss werden wir herzlich willkommen geheissen und geduldig in die isländischen Camping-Gepflogenheiten eingeführt. Wir scheinen für unsere erste Nacht auf Island einen schönen Ort bei guten Menschen gefunden zu haben.

Auf dem weitläufigen Platz sind wir fast allein und die Nacht ist entsprechend ruhig. Erfreulicherweise erwachen wir zu prächtigem T-Shirt-Wetter. Einer Wanderung zum Hengifoss steht also nichts im Weg. Der überschaubar und sicher angelegte Wanderweg zum Litlanesfoss und weiter zum Hengifoss ist mit Informationstafeln zur Entstehung der Wasserfälle und zur lokalen Geologie ausgestattet. Die imposante Höhe von 118 Metern macht den Hengifoss zum vierthöchsten Wasserfall Islands. Seinen einmaligen Charakter verleihen ihm jedoch die markanten roten Querstreifen, die aus eisenhaltigen Tonschichten bestehen. Wir freuen uns über die Sonne, die Wärme und die klare Fernsicht und natürlich über unsere ersten beiden Wasserfälle auf Island.


Einschub – Campingplatzpflicht
Auf Island besteht für jede Grösse von Campingfahrzeugen eine Campingplatzpflicht. Auf unserer Reise finden wir immer gut bis sehr gut eingerichtete, oft fantastisch gelegene Plätze zu angemessenen Preisen. Nachvollziehbarerweise sind Plätze in viel besuchten Orten oder in der Nähe von Sehenswürdigkeiten teurer und oft auch in der Nachsaisaon noch sehr gut belegt. Ausserhalb der touristischen Hauptattraktionen sind in der Nachsaison auf den Plätzen meist nur wenige Fahrzeuge anzutreffen. Plätze in abgelegeneren Gegenden sind je nach Wetter nach Mitte September schon geschlossen.

Das gute Wetter soll gemäss Wetterbericht noch ein paar Tage halten. So beschliessen wir, einen ersten Ausflug ins Hochland zu machen. Ziel ist der erloschene, im Untergrund jedoch aktive Vulkan Askja mit seinen beiden Kraterseen. Die Gegend um die Askia ist einer der touristischen Hotspots Islands. Die für die Fahrt notwendigen Informationen beschaffen wir uns im Snæfellsstofa Visitor Center, einem modernen erst kürzlich erstellten Informationszentrum in der Nähe des Hengifoss Gästehauses. Wir erhalten freundliche und umfassende Auskunft und starten umgehend auf unsere erste Fahrt ins legendäre Hochland Islands.
Auf dem ersten Abschnitt (Routen 910, F 910, 907, 923) lockt nach der Fahrt über die Staumauer des Hálslón Stausees die Schlucht Stuðlagil mit ihren bis zu 30 Meter hohen Basaltsäulen. Die Schlucht ist ihrer ganzen Tiefe erst sichtbar, seit der Fluss Jökla im Hálslón Stausee gestaut wird. Zuvor war sie und ihre spektakulären Säulen im Wasser der Jökla verborgen.
Leider stellt sich heraus, dass die Basaltsäulen zurzeit zu einem grossen Teil vom Wasser umspült werden, da jeweils im Spätsommer und Herbst der Pegel des Stausees künstlich abgesenkt wird. Unter diesen Umständen verzichten wir auf den geplanten Spaziergang dem Ufer der Jökla entlang und geniessen stattdessen die Aussicht von der dafür vorgesehenen Plattform. Denn auch mit nur teilweise sichtbaren Basaltsäulen ist die Schlucht definitiv einen Besuch wert.




Für die Nachmittagspause machen wir einen Abstecher nach Sænautasel – einem von 1843 bis 1943 bewirtschafteten Torfhof. Unerwartet treffen wir auf einen mystischen Ort am tiefblauen, in der Nachmittagssonne schillernden See Sænautavatn. Die Luft ist klar und mild und kaum angekommen, werden wir eingehüllt in den Duft tausender unsichtbar blühender Blumen und Kräuter. Eine bezaubernd schöne Erfahrung an einem mystischen Ort.
Von 1875 bis 1880 war der Hof Sænautasel verlassen, weil die Gebäude von den Aschemassen des im Jahr 1875 ausgebrochenen Vulkans Askja zu einem grossen Teil bedeckt worden waren. Ein Teil der Gebäude wurde später wieder aufgebaut und aktuell wird der Hof als Restaurant, Gästehaus und Museum genutzt. Wir lassen uns vom Besitzer mit delikaten Pfannkuchen, frisch geschlagenem Rahm, Erdbeerkonfitüre und heissem Cacao verwöhnen.



Nur widerstrebend verlassen wir Sænautasel und über die 907 und die 901 gelangen wir zur Möðrudalur á Fjöllum, der höchstgelegenen bewohnten Farm Islands. Von hier wollen wir am nächsten Morgen zeitig zur Askja aufbrechen. Auch dieser Ort präsentiert sich wie aus einer Werbebroschüre. Mit Gras bedeckte ehemalige Farmgebäude, die nun Gäste beherbergen, eine kleine Kirche, ein Restaurant, ein kleines Hotel, eine Autowerkstatt und ein paar wenige Wohnhäuser – alles gehalten in traditionellem Stil und eingebettet ins helle Grün einer Weidelandschaft, die umgeben ist von den düster dunklen Lavawüsten des Hochlandes. Auf dem weitläufigen Campingplatz finden wir schnell einen geeigneten Platz und bald schon sitzen wir bei bestem Wetter und angenehmen Temperaturen in den Strahlen der untergehenden Sonne.



Einschub – Strassenkategorien
Die Bezeichnung der isländischen Strassen besteht aus ein bis vier Ziffern. Die Ziffer 1 bezeichnet die Ringstrasse, die rund um die Insel führt. Sie ist durchgehend zweispurig mit Gegenverkehr und in einem ausgezeichneten Zustand. Autobahnen gibt es in Island nicht. Einzig in der Umgebung von Reykjavík existieren einige mehrspurige Strassen. Mit zwei Ziffern werden Hauptverbindungsstrassen bezeichnet und Nebenstrassen mit drei. Hauptverbindungsstrassen ebenso wie Nebenstrassen kommen in unterschiedlichen Ausbaustandards daher. Sie können asphaltiert oder mit Schotter befestigt und mit Kies abgezogen sein oder aus unbefestigten Pisten bestehen. Vier Ziffern stehen für Nebenstrassen, die wenig befahren werden und allenfalls sehr schmal sind. Auch diese sind unterschiedlich ausgebaut. Steht vor den Ziffern ein F (F 26, F 88, F 208) ist die entsprechende Strasse nur mit Off-Road Fahrzeugen zu befahren. Zum Teil stellen F-Strassen sehr hohe Anforderungen an die Fahrzeuge und oft sind auf solchen Strassen Furten zu durchqueren. Diverse F-Strassen sind nur mit speziell ausgerüstenten Jeeps passierbar.

Unsere Fahrt zur Askja beginnt bei Sonnenaufgang und wohlig warmen Temperaturen. Zuerst über die F 905 und später die F 910 durchqueren wir imposante von Vulkanen geschaffene Landschaften. Durchwegs ist sorgfältiges und konzentriertes Fahren angesagt, da das scharfkantige Lavagestein jederzeit einen Reifen aufschlitzen könnte. Unwirtlich, lebensfeindlich und trotzdem faszinierend schön ist die Natur, in der sich Gegenden aus erstarrten Lavaströmen mit Feldern voller dunkelgrauer Lavaskulpturen abwechseln. Dann wieder durchqueren wir schwarze und weisse Sandebenen. Diese gleichsam in sich ruhenden Landstriche werden durchbrochen von reissenden Flüssen wie der Jökulsá á Fjöllum oder der Kreppa, deren beunruhigend dunkle Schmelzwassermassen vom Vatnajökull kommend Richtung Meer toben.






Nach gut 100 Kilometern Fahrt kommen wir bei der kleinen Siedlung Drekaskáli an, die aus einem Gästehaus, einer Rangerstation und einem Campingplatz besteht. Die Dächer der wenigen Holzhäuser glänzen in der flimmernden Mittagssonne. Ansonsten beschränkt sich das Farbenspektrum unter dem tiefblauen Himmel fast gänzlich auf Beige-, Grau-, Braun- und Schwarztöne. Rein farblich gesehen, könnten wir uns auch auf dem Mond befinden…
Ein paar Kilometer weiter erreichen wir den Parkplatz, von dem unser Spaziergang zur Askja und den Kraterseen startet. Mit einer Tiefe von 220 Metern ist der Öskjuvatn der tiefste Kratersee Islands. Gleich nebenan liegt Viti (Hölle). In diesem um vieles kleineren See beträgt die durchschnittliche Wassertemperatur 20° bis 30° C je nachdem, wo gemessen wird. Baden im milchig weissblauen Wasser der Hölle ist möglich für all jene, die sich vom steilen und rutschigen Abstieg sowie dem schwefligen Geruch nicht beeindrucken lassen. Wir verzichten auf das Bad und geniessen die leuchtenden Farben der Vulkanlandschaft, die spektakuläre Szenerie und das prächtige Wetter.



Für den nächsten Tag ist Regen vorausgesagt und auf der Fahrt zur Ringstrasse werden wir mehrere Furten antreffen. So fahren wir noch am Nachmittag weiter zum Campingplatz Þorsteinsskáli. Dieser liegt knapp 40 Kilometer Richtung Norden am Fuss des imposanten 1682 Meter hohen Berges Herðubreið. Wie ein Juwel liegt die grüne Oase Herðubreiðarlindir mitten in Steinwüsten, gerölligen Lavabergen und Sandebenen. Während die Sonne untergeht, lassen wir an einem der kleinen Bachläufe, in denen reinstes Quellwasser durch die üppige Flora gurgelt, die vielen Eindrücke und Erlebnisse des Tages Revue passieren.



Noch während wir uns am Morgen mit der Rangerin unterhalten, die Herðubreiðarlindir betreut, beginnt es zu regnen. Bis zur Ringstrasse sind es noch ca. 60 Kilometer Fahrt auf der F 88. Die Furten lassen sich gut durchqueren und der Regen hält sich netterweise in Grenzen. Da das Gebiet der Askja mit speziell ausgebauten Hochland-Reisebussen von Reykjahlíð aus ebenfalls besucht wird, ist die Piste zur Askja entsprechend ausgebaut. Folglich kommen wir zügig voran und nach ca. zwei Stunden abwechslungsreicher Fahrt erreichen wir die Ringstrasse. Von dort geht es weiter zum Mývatn, wo wir unsere erste Tour ins Hochland auf einem der Campingplätze von Reykjahlíð mit einer feinen Pizza feiern.



Am nächsten Tag steht die Besichtigung des Hochtemperaturgebiets Hverarönd (Námaskarð), das nur wenige Kilometer ausserhalb von Reykjahlíð liegt, auf dem Programm. Das ganze Areal ist in Schwefeldämpfe gehüllt und rundum blubbert, dampft und brodelt es ununterbrochen. In schwarzgrauen Teichen kocht Schlamm. Aus blauen Löchern sprudelt kochend heisses Wasser, das kleine Flussläufe in die leuchtend orangefarbene Erde zeichnet. Die herbstliche Kühle und der Nieselregen können der Faszination und der Farbenpracht dieses Ortes keinen Abbruch tun. Der heisse Boden wärmt unsere Füsse. Körper und Hände können wir aus sicherer Entfernung an Steinpyramiden aufwärmen, aus denen zischend Dampfwolken entweichen. Wir sind fasziniert von der unbändigen Kraft der Natur, die hier hautnah erlebbar ist. Der olfaktorische Aspekt des Erlebnisses begleitet uns auf der Weiterfahrt dann noch für eine ganze Weile…



Schon unterwegs zum Dettifoss bessert sich das Wetter. Den Besuch der drei in kurzer Distanz aufeinander folgenden Wasserfälle Sellfoss, Dettifoss und Hafragilsfoss verbinden wir mit einer Wanderung. Diese beginnt am Parkplatz beim Dettifoss. Von dort führt der Wanderweg für ein paar Kilometer gegen Norden, dann nach einer Richtungsänderung um 180° flussaufwärts nacheinander an den drei Fällen vorbei und wieder zurück zum Parkplatz. Entspannt wandern wir den Wasserfällen der uns von der Fahrt zur Askja schon bekannten Jökulsá á Fjöllum entgegen und können so aus ungewohnter Perspektive am jeweiligen Naturspektakel teilhaben.





Auf dem Campingplatz Ásbyrgi kochen wir uns ein paar Stunden später ein feines Nachtessen und genehmigen uns in der imposanten hufeisenförmigen Schlucht mit ihren bis zu 100 Meter hohen senkrechten Felswände einen Sundowner. Im Schutz dieser Felswände gedeiht ein Mischwald mit bis zu acht Meter hohen Bäumen. Bäume mit einer solchen Höhe sind in Island eine Seltenheit und mit viel Einsatz versucht Island ehemalige Waldgebiete wieder aufzuforsten.
Gemäss geologischen Forschungen hat die Schlucht Ásbyrgi ihre aussergewöhnliche Form durch drei besonders mächtige Gletscherläufe erhalten. Diese ereigneten sich vor mehreren Jahrtausenden nach Ausbrüchen der Vulkane Kverkfjöll oder Bárðarbunga, die zum Vatnajökull gehören.
Aus mythologischer Sicht hingegen entstand die Schlucht, als sich ein Huf Sleipnirs, des achtbeinigem Pferdes Odins, dort in die Erde bohrte. Entsprechend wird Ásbyrgi auch Odins Fussabdruck genannt. Die Schlucht wird von vielen Einheimischen bis heute als eine der Hauptstädte der Elfen betrachtet, in der sich ein grosses kulturelles und wirtschaftliches Zentrum des unsichtbaren Volkes befindet. Interessierte Reisende können sich vor Ort anhand einer Tafel über diese Besonderheiten informieren.


Bei leicht bedecktem Himmel fahren wir am nächsten Morgen über das Delta der Jökulsá á Fjöllum und der Nordküste entlang nach Húsavík. Das überschaubare Fischerstädtchen hat eine lange touristische Tradition und nimmt für sich in Anspruch, vor Jahren als erste Ortschaft organisierte Walbeobachtungsfahrten angeboten zu haben. Spontan entscheiden wir uns für eine Tour und erhalten dank der Nachsaison tatsächlich noch Plätze für den späteren Nachmittag. Gut eingepackt in einige Lagen warme Kleider starten wir kurze Zeit später auf die mehrere Stunden dauernde Entdeckungsfahrt in der Bucht von Húsavík. Bald zeigt sich, dass wir den Zeitpunkt gut gewählt haben. Aus nächster Nähe können wir Zwerg- und Buckelwale beobachten. Begeistert und leicht angefroren kehren wir am frühen Abend in den Hafen zurück und freuen uns über dieses Erlebnis, das uns noch lange begleiten wird.



Anderntags befassen wir uns mit dem weiteren Verlauf unserer Reise, welcher sich generell an den Wetterprognosen ausrichtet. Diese sagen für die nächsten zwei Tage wieder weiträumig gutes Wetter voraus. Damit steht einer Fahrt über die F 26 durch das Hochland in den Süden Islands nichts im Weg.
Also kaufen wir Lebensmittel für die nächsten Tage ein und steuern die Ringstrasse an. Von dieser zweigt in der Nähe des Goðafoss die 842 nach Süden ab. Vorher wollen wir jedoch noch das Gebiet des Krafla besuchen.
Beim Krafla handelt es sich um ein Vulkansystem von ca. 100 Kilometern Länge. Der gleichnamige Zentralvulkan mit einer Höhe von 818 Metern beherrscht mit zahlreichen Kratern die Mývatn-Region. Die bisher letzte Ausbruchsserie auf dem Gebiet der Krafla, die sogenannten Krafla-Feuer, fand von 1975 bis 1984 statt und dort besonders am Vulkan Leirhnjúkur. Wir wandern auf den 592 Meter hohen Leirhnjúkur, vorbei an seinen Fumarolen, Solfataren, kochenden Schlammtöpfen und kleinen dampfenden Seen. Zum Bereich des Krafla gehört auch das Hochtemperaturgebiet Hverarönd bzw. Námaskarð, das wir vor ein paar Tagen bewundert haben. Seit 1977 wird die geothermische Energie mittels zweier Geothermalkraftwerke genutzt, dem Bjarnaflagsstöð bei Reykjahlíð und dem Kröfluvirkjun direkt am Zentralvulkan Krafla.




