
In Hvammstangi endet unsere Fahrt über den Arctic Coast Way. Bei Regen und Temperaturen um die 4° C machen wir uns auf den Weg nach Hólmavík, unserer ersten Destination in den Westfjorden. Das Wetter hält sich strikt an die Prognosen. Das bedeutet mehrere Tage Regen, was uns Gelegenheit gibt, ein paar Tage die Seele baumeln zu lassen. Bald entdecken wir, dass sich in der Sportanlage neben dem Campingplatz, ausser einem 30-Meter-Pool auch eine kleine Wellnessanlage befindet. Ohne zu zögern, nehmen wir dieses Angebot an und lassen Regen und Wind Wetter sein…
Beim Besuch des Hexerei-Museums von Hólmavík erhalten wir anderntags einen anschaulichen und informativen Einblick in den isländischen Umgang mit Hexerei und in die Art und Weise, wie die Hexenverfolgung auf Island gehandhabt wurde.


Trotz Regen und Wind fahren wir nach zwei Tagen über die weiten und einsamen Hochebenen der Steingrímsfjarðarheiði Richtung Ísafjörður. Vor in Wolken gehüllten Bergen präsentieren sich die Hochmoore schon in leuchtenden Herbstfarben. Die Stimmung ist mystisch und in der Frühe des Morgens herrscht absolute Ruhe. Etwas weiter des Wegs treffen wir auf den ersten, der für Islands Westfjorde typischen fast parallel zueinander verlaufenden Meeresarme. Auf der Höhe von Reykjanes machen wir Pause und besuchen das SALTVERK. Hier – irgendwie im Nirgendwo – produzieren knapp ein Dutzend Personen Salzspezialitäten, die in unterschiedlichste Länder exportiert werden und dort in Feinschmeckerläden und Profiküchen anzutreffen sind. Die zur Herstellung des Salzes erforderliche Energie stammt ausnahmslos von heissen Quellen, die in unmittelbarer Nähe der Produktion gefasst werden. Spontan erhalten wir eine Führung durch den Betrieb und erstehen im Anschluss einige Töpfchen des kostbaren Gutes.


Da das Wetter stündlich besser wird, nutzen wir unseren nächsten Halt für einen Spaziergang zum Valagil Wasserfall und erreichen kurz darauf die Hafenstadt Ísafjörður, in der zurzeit etwa 2750 Personen wohnen. Die Fischerei, die früher den wichtigsten Wirtschaftszweig von Ísafjörður darstellte, wird zunehmend durch die boomende Tourismusindustrie ersetzt. Dies umso mehr, als seit einiger Zeit während der Sommermonate zahlreiche Kreuzfahrtschiffe im gut geschützten und entsprechend ausgebauten Hafen anlegen. Die Bedeutung des Tourismus lässt sich auch am Campingplatz erkennen. Dieser befindet sich in einem hervorragenden Zustand und ist sehr gut ausgestattet. Zudem liegt er äusserst attraktiv just unterhalb des Wasserfalls Bunárfoss.


Wir verlassen Ísafjörður und besuchen die weiter westlich liegenden Ortschaften Flateyri und Þingeyri. Beide liegen an einem Fjord und leben ebenfalls hauptsächlich von der Fischerei und vom Tourismus. Die beiden Ortschaften machen zurzeit allerdings einen verschlafenen Eindruck, was wir nach einigem Überlegen dem Sonntagmorgen zuschreiben…
Das kleine Flateyri erreichte traurige Berühmtheit, als sich am 26. Oktober 1995 aus dem Eyrarfjall oberhalb des Ortes eine Lawine löste. Diese begrub 45 Menschen unter sich, von denen 20 ihr Leben verloren. In der Folge wurde über dem Ort eine riesige Lawinenverbauung errichtet.
Das Wetter zeigt sich mittlerweile von seiner besten Seite. Die Luft ist klar und frisch und das fast schon kitschige Blau der Fjorde wetteifert mit dem leuchtenden Grün der Wiesen.

Zu den berühmten Dynjandi Wasserfällen am Arnarfjörður nehmen wir von Þingeyri aus die 626 über den Pass, statt den 2020 eröffneten Tunnel Dýrafjarðargöng zu benutzen. Der Umweg belohnt uns mit spektakulären Ausblicken auf die Fjorde beidseitig des Passes. Bei den Wasserfällen herrscht reger Betrieb. Das verwundert nicht, da sie zu den attraktivsten Fällen Islands zählen und auf dem Programm vieler Islandreisenden stehen. Vor allem jedoch, weil sie seit der Eröffnung des Tunnels ein Tagesausflugsziel von Islandkreuzfahrten sind, deren Schiffe in Ísafjörður anlegen.


Ein Grossteil der Isländer und Isländerinnen sind begeisterte Fans von Museen und Kunst. Die Bandbreite entsprechender Einrichtungen reicht dabei von modernsten Institutionen bis hin zu schrullig kuriosen Kleinstsammlungen und Ausstellungen in einfachen privaten Räumen oder unter freiem Himmel.
Wir haben uns unter anderem für den Besuch des ca. 25 Kilometer nordöstlich von Bíldudalur liegende Freiluftmuseum mit den Gebäuden und dem Skulpturengarten des Künstlers Samúels Jónssonar entschieden. In fast totaler Abgeschiedenheit liegt das Museum am Anarfjörður in Selárdalur ganz in der Nähe eines weissen Sandstrandes und entschädigt in seiner Einmaligkeit mehrfach für die relativ lange Anfahrt auf der unbefestigten Strasse. Als einzige Anwesende können wir uns frei zwischen den ungesicherten Bauten und Kunstwerken bewegen und informieren uns in der von Samúels Jónssonar errichteten Kirche eingehend über dessen Leben und Werk. Zum Abschluss des Tages geniessen wir am Strand den Sonnenuntergang und während der mit knapp 3° C recht frischen Nacht erhaschen wir unsere ersten Nordlichter.





Allenfalls als Folge der Kälte zieht es uns am Morgen zu den heissen Quellen in der Nähe von Tálknafjörður. Und schon kurze Zeit später räkeln wir uns mit einer spektakulären Sicht auf den Patreksfjörður und die gegenüberliegenden Berge im herrlich warmen Wasser.

Erfrischt und entspannt fahren wir nach einem Zwischenhalt in Patreksfjordur weiter zum roten Strand Rauðasandur und der Bucht von Melanes. Die Route 614 führt in beeindruckenden Steigungen und ein paar engen Kehren über den Pass auf die Südseite der Westfjorde. Nach der letzten Kurve öffnet sich unvermittelt eine grandiose Aussicht auf das hellblaue Meer und den kilometerlangen goldorangenen Sandstrand. Am Strand geniessen wir auf der dank Ebbe riesigen Sandebene den warmen Sand unter den Füssen und die Nachmittagssonne im Gesicht. Der idyllisch am Strand von Melanes gelegene Campingplatz ist auch jetzt in der Nachsaison gut besetzt. Wir folgen dem Beispiel der Campierenden und erkundigen uns nach einem Platz für die Nacht.



Die Weiterreise führt uns erst zurück an den Patreksfjörður, dann über die Kleifaheiði an die Südküste der Westfjorde. Die Südküste wird landwirtschaftlich genutzt und die leuchtend grünen Wiesen der weitläufigen Höfe reichen oft fast bis ans Meer. Weidende Schafe sind auch hier allgegenwärtig und nun, da wir uns wieder in klimatisch gemässigteren Gegenden befinden, treffen wir auch wieder auf die berühmten Pferde. Nach einer Übernachtung auf dem Stellplatz des Hofes Miðjanes einige Kilometer östlich der Gemeinde Reykhólar verlassen wir nach einer guten Woche die faszinierend schönen Westfjorde.


Unterwegs an die Nordküste der Halbinsel Snæfellsnes besuchen wir das Museum Eiríksstaðir das einige Kilometer westlich der Route 60 kurz hinter dem Haukadalsvatn liegt. Hier wurde das Wohnhaus des Vikingers Eiríkur rauði Þorvaldsson bzw. Erik des Roten nachgebaut. Es wird angenommen, dass er zwischen dem 9. und 10. Jh. zeitweise mit seiner Familie hier gewohnt hat. Das Haus ist heute ein Museum, in dem wir gebannt den Schilderungen einer Studentin lauschen, die uns unterhaltsam und mit viel Humor die harschen Lebensbedingungen der Bevölkerung Islands zur Zeit von Erik dem Roten näherbringt. Durch die lebendige Beschreibung der prekären Lebensbedingungen und des Alltags von Erwachsenen und Kindern während der langen Winter in der stickigen Enge eines fensterlosen Erdhauses werden die Verhältnisse der damaligen Zeit für uns fast körperlich spürbar. Begeistert vom umfassenden Wissen und der natürlichen Art der Erzählerin verbringen wir gut und gern zwei Stunden am Feuer dieser kleinen Behausung.



Auf unserer Fahrt entlang der Nordküste von Snæfellsnes machen wir in der kleinen Hafenstadt Stykkishólmur Pause und besichtigen den kleinen Hafen, von dem die Fähre nach Brjánslækur an der Südküste der Westfjorde ausläuft. Der an unserer Route liegende 463 Meter hohe Kirkjufell, hat sich Dank der sozialen Medien in den letzten Jahren zu einem der meistfotografierten Berge Islands entwickelt. Auch wir können dem Reiz, hier ein Foto zu machen nicht widerstehen, obwohl die hohe Parkplatzgebühr ein guter Grund wäre, darauf zu verzichten… Kurze Zeit später richten wir uns mit Sicht auf den Vulkan Snæfellsjökull auf dem komfortabel ausgestatteten Campingplatz bei Hellissandur ein.





Die weitere Erkundung der Halbinsel Snæfellsnes beginnen wir mit dem Besuch des Svöðufoss, in dessen Hintergrund sich der den Osten der Halbinsel dominierende Snæfellsjökull zurzeit bescheiden in Wolken hüllt. Anschliessend spazieren wir über weisse und schwarze Sandstrände, bewundern zerklüftete Küsten mit eindrücklichen Felsformationen und die dazugehörigen Leuchttürme, wie den leuchtend orangenen Skálasnagaviti oder den imposanten Malarrífsviti. Eine kurzer äusserst lohnender Spaziergang führt uns von Útsýni über den schwarzen Kieselstrand Djúpalónssandur und über malerische Klippen zu den wenigen Überresten der ehemaligen Siedlung Dritvík. Vom 16. bis ins 19. Jahrhundert existierte hier jeweils im Frühjahr eine florierende saisonale Fischereibasis von nationaler Bedeutung, die mehrere hundert Personen beschäftigte.

Als Abwechslung zu den Küsten steigen wir im Landesinnern auf den Saxhóll Krater. Dabei handelt es sich um einen erloschenen Vulkan, der anhand einer Metalltreppe erschlossen und somit problemlos erreichbar ist. Die Erschliessung ist modern und attraktiv und steht als Beispiel für ähnliche Bauten, die aufgrund der stetig wachsenden Zahl von Reisenden erforderlich werden, um die Natur zu schützen.





Statue im Garten des Leif Eiriksson Museums beim Hafen von Budardalur
Die Strecke nach Bogarnes, das südlich der Halbinsel Snæfellsnes am Borgarfjörður liegt, fahren wir an einem strahlend schönen Tag, an dessen Ende wir uns wieder in der Nähe des Golden Circle befinden. Fährt man von Bogarnes auf der Ringstrasse nach Reykjavík weiter, überquert man die Borgarfjarðarbrú, die mit 520 Metern längste Brücke Islands.
Vorerst geht die Reise für uns Richtung Langjökull, dem mit ca. 932 km2 zweitgrössten Gletscher Islands. Auf dem Weg dorthin bestaunen wir die heisse Quelle von Deildartunguhver. Pro Sekunde liefert diese Quelle ca. 180 Liter etwa 100° C heisses Wasser. Damit ist sie die potenteste Heisswasserquelle Europas. Das heisse Wasser wird in den umliegenden Ortschaften und Thermalbädern genutzt. Aber auch die Bevölkerung etwas grösserer Städte wie Bogarnes oder Akranes heizt und wäscht mit der hier aus dem Boden sprudelnden thermischen Energie. In der 64 Kilometer weiter südlich liegenden Stadt Akranes ist das per Pipeline ankommende Wasser immer noch 78 bis 80° heiss.
Der Wasserfall Hraunfossar ist ein weiteres eindrucksvolles Phänomen der Natur. Obwohl nirgends ein Zufluss in die Lavafelsen auszumachen ist, strömt hier über eine Länge von ca. 700 Metern Wasser, das vom Langjökull stammt, in unzähligen kleinen Wasserfällen aus dem Lavafeld Hallmundarhraun in den weiter unten dahinfliessenden eisblauen Fluss Hvítá.




Bald nach dem Spaziergang bei den Wasserfällen erreichen wir Húsafell. Hier in der Nähe des Langjökulls herrscht reichlich Betrieb, da unterschiedlichste Erlebnisse und Attraktionen angeboten werden. Zum Beispiel besteht die Möglichkeit, sich per Offroad-Shuttle an den Fuss des Gletschers bringen zu lassen, um von dort an Aktivitäten auf und im Gletscher teilzunehmen.
Wir entscheiden uns, die Nähe der Gletscher auf der 550 bzw. der Kaldidalur oder Kaldadalsvegur zu suchen. Die Kaldidalur ist eine Schotterpiste, die durch das steinige und zurzeit fast vegetationslose gleichnamige Hochtal zwischen dem Borgarfjörður im Westen und dem Gebiet Þingvellir weiter im Süden führt. Im Gegensatz zu anderen Routen durch das zentrale Hochland ist sie mit einem geeigneten Fahrzeug auch ohne Allrad befahrbar, da keine Furten zu durchqueren sind. Nach ca. 20 Kilometern legen wir einen Halt ein und wandern auf den 1198 Meter hohen Ok. Bis im Jahr 2014 war der obere Teil dieses Vulkans noch von einem Gletscher bedeckt. Heute ist ausschliesslich im Krater noch Eis zu finden. Es wird eine gemächliche Wanderung auf einen unspektakulären Berg. Das Wetter hingegen ist perfekt und die Aussicht auf die Gletscher des Þórisjökull auf der anderen Seite des Tales ist einzigartig.


Während der letzten Kilometer unserer Fahrt zum Campingplatz in Þingvellir geht langsam die Sonne unter. Es ist ein herrlicher Abend, der zusammen mit den einige Stunden später am Himmel erscheinenden Polarlichtern unvergessen bleibt.

Ausgiebig erkunden wir in den folgenden Tagen den Nationalpark Þingvellir und die Gegend um den Þingvallavatn, den grössten natürlichen See Islands. Wir staunen über die Vielfalt der sich immer wieder anders präsentierenden Natur um den See und schlendern durch den berühmten Almannagjá Graben vorbei am Öxarárfoss, der sich ziemlich fotogen über die Basaltfesen in den Graben stürzt.


Island liegt direkt auf dem westlichsten Teil des mittelatlantischen Rückens, der die Grenze zwischen der Eurasischen und der Nordamerikanischen Kontinentalplatte markiert. Die Insel ist der einzige Ort der Erde, an dem der mittelatlantische Rücken über dem Meeresspiegel liegt und daher an vielen Stellen gut sichtbar ist. Die einmalige Landschaft des Nationalparks mit ihren Rissen, Gräben und Schluchten ist aufgrund des kontinuierlichen Auseinanderdriftens der beiden Kontinentalplatten entstanden. Pro Jahr driften die Platten ca. 2 cm auseinander. Die dadurch entstandenen unzähligen, Spalten und Gräben sind zum Teil mit kristallklarem Wasser gefüllt, das von den Gletschern des 50 Kilometer entfernten Langjökulls stammt. Es kann bis zu hundert Jahre dauern, bis das Gletscherwasser gefiltert durch das poröse Lavagestein, Spalten Gräben und Schluchten mit Grundwasser füllt und den Þingvallavatn mit reinstem Quellwasser speist.

Die Auswirkungen der Plattenbewegungen sind an mehreren Orten deutlich sicht- und wahrnehmbar. So zum Beispiel im Almannagjá Graben, der ebenfalls aufgrund der Plattenbewegungen entstanden ist. Die Schlucht verändert sich laufend und die breiter werdenden Spalten müssen zum Beispiel mit Brücken gesichert werden. Äusserst eindrücklich sind die Veränderungen auch in der Silfra-Spalte erlebbar, wo es möglich ist, im glasklaren Wasser zwischen den tektonischen Platten zu tauchen oder zu schnorcheln. Wir können mehrere Gruppen beobachten, die sich im 2° bis 4° C kalten Wasser zwischen den Kontinenten tummeln.


Þingvellir mit der Almannagjá Schlucht (Allmännerschlucht) ist ferner einer der historisch bedeutendsten, wenn nicht der historisch wichtigste Ort Islands. Mit Alþingi wurde hier im Jahr 930 das erste isländische Parlament gegründet, das damit das älteste und am längsten fortbestehende demokratische Parlament der Welt ist. Viele bedeutsame historische Ereignisse haben hier stattgefunden. Alþingi tagte bis 1798 in Þingvellir. Im Jahr 1800 wurde Alþingi nach Reykjavík verlegt. Die moderne isländische Republik jedoch wurde 1944 in Þingvellir gegründet. Für die Isländerinnen und Isländer ist Þingvellir der Ort der Entstehung ihrer Nation.
