Island – Woche 4 (braun)

Für uns wird es Zeit den Nationalpark zu verlassen und nach Reykjavík aufzubrechen. So installieren wir uns nach einem Zwischenhalt in Akranes auf der etwas ausserhalb des Stadtzentrums von Reykjavík gelegenen Eco Campsite.

Die Eco Campsite liegt verkehrstechnisch so, dass die Innenstadt von Reykjavík innert nützlicher Frist zu Fuss erreichbar ist. Allerdings grenzt der Platz an mehrere Sportanlagen, was zu einer ungewohnten Geräuschkulisse führen könnte. Quasi als Entschädigung gibt es gleich nebenan ein Open Air Thermalbad.

Nach einer unerwartet ruhigen Nacht machen wir uns anderntags zeitig auf den Weg in die Innenstadt. Unterwegs treffen wir auf Höfði, ein hübsches eher unscheinbar wirkendes Gebäude, das 1909 im Auftrag Frankreichs für den französischen Konsul erbaut wurde. In den Räumen dieses Hauses fand vom 10. bis 12. Oktober 1986 «The Reykjavik Summit» statt. Jenes geschichtsträchtige Treffen zwischen Ronald Reagan und Michail Gorbatschow, in dessen Rahmen sich die beiden die Hände reichten, was zusammen mit weiteren bedeutenden politischen Ereignissen zu einem vorübergehenden Ende des Kalten Krieges geführt hat.

Weil in der berühmten Hallgrímskirkja gerade der Sonntagsgottesdienst stattfindet, spazieren wir durch die Gassen der Altstadt zum Hafen, in dem die Harpa, das neue Kultur- und Kongresszentrum Reykjavíks liegt. Am frühen Nachmittag kommt unerwartet ein kalter Wind auf, der innert kürzester Zeit Regen bringt. Bei einem Kaffee in einem gemütlichen Altstadtrestaurant wärmen wir uns auf und kehren anschliessend zum Campingplatz zurück. Kaum sind wir dort angekommen, scheint wider Erwarten wieder die Sonne.

Nach einigem Hin und Her beschliessen wir, unseren Aufenthalt im zurzeit eher ungemütlichen Reykjavík abzukürzen und Richtung Süden zu fahren. Nach einer wettermässig und landschaftlich äusserst kurzweiligen Fahrt erreichen wir den im Vulkansystem Krýsuvík liegenden Kleifarvatn. Der Kleifarvatn ist der drittgrösste See Südislands und mit 97 Metern einer der tiefsten Seen der Insel überhaupt. Die pechschwarzen Strände des Sees bilden einen attraktiven Kontrast zum strahlenden Blau des Wassers und den mit grünem Moos überzogenen Bergflanken.

Wenige Kilometer südwestlich des Kleifarvatn macht das Solfatarengebiet Seltún mit Schwefel- und Dampfschwaden und auf sich aufmerksam. In leuchtend orangenen Hängen brodeln heisse Wasserquellen und vulkanische Gase und Wasserdampf entweichen zischend aus Solfataren und blubbernden dunkelgrauen Schlammtöpfen. Einmal mehr sind wir tief beeindruckt von der gewaltigen Kraft der Natur.

Einige Kilometer weiter erreichen wir den Strand von Selvogur und sind damit an der Südküste Islands angekommen. Bevor wir uns am nächsten Morgen auf den Weg ins Vulkangebiet Fagradalsfjall machen, besuchen wir die ganz in der Nähe stehende Strandarkirkja. Diese kleine Kirche ist eine der bekanntesten Islands. Der Legende nach wurde die erste Kirche an dieser Stelle im 12. Jh. von Seeleuten erbaut aus Dankbarkeit für ihre wundersame Rettung aus einem vor der Küste tobenden Sturm. Die heutige aus dem Jahr 1888 stammende Kirche steht, wahrnehmbar Frieden, Harmonie und Ruhe ausstrahlend, nur wenige Meter von der Küste entfernt.

Nach diesem meditativen Zwischenhalt fahren wir ins Gebiet Fagradalsfjall in der Nähe von Grindavík. In dieser Gegend sind in den Jahren 2021, 2022 und letztmals im Frühjahr 2023 Vulkane ausgebrochen. Dabei ergoss sich die Lava in mehrere der umliegenden Täler und füllte diese teilweise auf. Das Gebiet ist heute über Wanderrouten gut erschlossen und frei zugänglich. Die auf dem Parkplatz anwesenden Ranger erklären die verschiedenen Routen und beantworten geduldig und kompetent Fragen zu Entstehung und aktueller Aktivität der verschiedenen Vulkane. Wir entscheiden uns für die Tour zum Aussichtspunkt Stóri Hrútur. Der Hinweg führt über mehrere Hügelkämme und bietet einen guten Überblick über das vulkanisch aktive, immer noch rauchende Gebiet sowie einen fantastischen Weitblick Richtung Meer und ins Landesinnere. Das Wetter ist strahlend schön und die Sicht hervorragend. Den Rückweg zum Parkplatz wählen wir durch die Talsohle entlang der teilweise noch rauchenden Lava des Ausbruchs von 2021. Es ist eine eindrückliche Tour, die hautnah vermittelt, wie schnell sich Landschaften hier verändern können. Seit Dezember 2023 ereignen sich am Sundhnúkur, der etwas westlich des Gebietes Fagradalsfjall liegt, wieder Vulkanausbrüche. Betroffen ist vor allem das Städtchen Grindavík.

Dieses Städtchen durchqueren wir im Anschluss an unsere Wanderung zwischen den Vulkanen, um den Kontinentalgraben, der auch hier im Süden sichtbar ist, noch einmal wahrzunehmen. Beim Graben angekommen, überqueren wir die Brücke, welche die beiden Kontinente an dieser Stelle gleichsam miteinander verbindet. Wir pendeln also zwischen zwei Kontinenten hin und her. Was für ein Gefühl…

Mittlerweile ist es höchste Zeit, dass wir uns auf den Weg nach Osten machen. Bei prächtigem Wetter fahren wir via Eyrarbakki (Route 34) nach Selfoss und auf der Ringstrasse nach Hella. Bei Regenwetter geht es dann weiter bis nach Vík í Mýrdal. Unterwegs sind die bekannten Wasserfälle Seljalandsfoss und Skógafoss zu finden, die auch bei Nieselregen einen ganz akzeptablen Eindruck hinterlassen.

Für die nächsten paar Tage werden wieder Sonne und warme Temperaturen vorausgesagt. Wir nutzen die guten Verhältnisse für Touren ins südliche Hochland und gespannt machen wir uns am nächsten Morgen beizeiten auf den Weg zum Langisjór. Die Fahrt beginnt mit einigen Kilometern auf der Ringstrasse, die hier riesige mit Jahrhunderte alten Moospolstern überwachsene Lavafelder durchquert. Die Felder strahlen silbern im Licht der aufgehenden Sonne und wie Diamanten glitzern tausendende am Moos hängen gebliebene Regentropfen durch den Dunst eines feinen Morgennebels. Ein zauberhafter Willkommensgruss des herbstlichen Morgens.

Die Route zum Langisjór führt von der Ringstrasse auf die F 208. Dieser folgen wir für ca. 45 Kilometer und zweigen dann für weitere knapp 25 Kilometer auf die F 235 ab. Erst führt unser Weg durch Weideland, das abgelöst wird durch faszinierende, zum Teil märchenhaft anmutende Gegenden, in der mit dicken Schichten von Moos überwachsenes Lavagestein vielgestaltige Skulpturen geschaffen hat. Die Vorstellung, dass Trolle und Feen hier zu Hause sind, scheint irgenwie immer glaubhafter. Je höher wir kommen, desto spärlicher wird die Vegetation, bis sie fast nur noch aus Moos besteht, das die Hänge der Berge und die Gebiete um die Flüsse mit grünen Polstern überzieht. Ansonsten herrscht auf dieser Höhe die farbliche Gleichförmigkeit der aus Sand und Lavakies bestehenden Ebenen des Hochlandes, die dann und wann von einem Flusslauf oder dem Blau eines fernen Sees durchbrochen wird.

Nach einigen Stunden abwechslungsreicher und oft anspruchsvoller Fahrt auf unbefestigten Pisten kommen wir am Langisjór an. Wir können uns kaum sattsehen an der grandiosen Aussicht über die einzigartige Seenlandschaft, die bis an den Vatnajökull reicht. Allerdings bläst uns über den See ein starker und empfindlich kalter Wind entgegen, der uns veranlasst, diesen bemerkenswerten Ort nach einer ausgiebigen Rast wieder zu verlassen.

Während der Rückfahrt sind die Verhältnisse wieder perfekt und am späten Nachmittag sind wir zurück auf der Ringstrasse. Diese verlassen wir kurz vor der Ortschaft Kirkjubæjarklaustur, um die Schlucht Fjaðrárgljúfur zu besichtigen. Der ca. zwei Kilometer lange Canyon entpuppt sich als veritables Kleinod. Am Fuss der bis zu 100 Meter hohen senkrechten aus Palagonitgestein bestehenden Felswände fliesst die tiefblaue Fjaðrá gemächlich Richtung Meer, während die Strahlen der untergehenden Sonne die Vegetation und die einmaligen Felsformationen mit einem feinen goldenen Schimmer überziehen. Ein strahlender Abschluss für einen erlebnisreichen Tag.

Die Tour am nächsten Tag führt uns zu den Laki-Kratern. Diese befinden sich ebenfalls im südlichen Hochland, quasi parallel zum Langisjór. Die Laki-Krater werden dem Vulkansystem des Grímsvötn zugerechnet, da dieser 1783 gleichzeitig mit den Laki-Kratern ausbrach. Der Vulkan Grímsvötn liegt verborgen im Gletscherschild des Vatnajökull. Er ist einer der aktivsten Vulkane Islands und bricht ca. alle zehn Jahre einmal aus.

Unsere Route führt anfangs entlang der gestern Abend besuchten Schlucht Fjaðrárgljúfur. Da die Pisten F 206 (Lakavegur) und F 207 (Lakagígavegur) zum Teil sehr eng sind und oft durch scharfes Lavagestein führen, sind sie fahrtechnisch anspruchsvoller als jene zum Langisjór. Wir lassen uns Zeit, was jener Person, die heute nicht fährt, Gelegenheit gibt, sich der Schönheit der Natur etwas eingehender zu widmen. Als wir die Gegend der Laki-Krater erreichen, übertrifft die Szenerie in ihrer Einmaligkeit alles, was wir bisher auf Island gesehen haben.

Wie von Riesenhand aufgestellt, reihen sich die Vulkankrater kilometerlang aneinander. Die bis zu 140 erloschenen Krater sind von silbrig grünem Moss überzogen, das einen starken Kontrast zum schwarzen sandigen Boden, dem Vulkangestein und dem tiefblauen Himmel bildet. Dazu scheint die Sonne und es ist fast windstill und angenehm mild. Ein grossartiges Erlebnis in einer auf einer gewaltigen Naturkatastrophe beruhenden faszinierenden Umgebung.

Wir könnten hier gut und gerne einige Tage und Nächte verbringen. Dagegen spricht, dass für den kommenden Tag ein Wetterumschwung vorhergesagt ist. So geniessen wir jede Minute unserer Zeit in dieser einzigartigen Landschaft. Tief beeindruckt machen wir uns am späteren Nachmittag auf den Weg zurück an die Küste. An der Ringstrasse angekommen, fahren wir noch bis zum Campingplatz Svinafell in der Nähe des Skaftafell-Nationalparks.