
Trotz der aktuellen Wettersituation freuen wir uns auf die seit Beginn der Reise auf unserem Programm stehende Fahrt über den östlichen Teil des Arctic Coast Way. Zielstrebig legen wir die Strecke bis nach Egilsstaðir und weiter nach Bakkagerði am Borgarfjörður Eystri zurück. Obwohl Bakkagerði nicht am Arctic Coast Way liegt, haben wir uns für einen Aufenthalt in diesem kleinen Küstenort entschieden. Einerseits soll hier – und ausschliesslich hier – am nächsten Tag sieben Stunden lang die Sonne scheinen. Andererseits ist der Ort für seine Vogelfelsen bekannt.
Der Borgarfjarðarvegur (Route 94) führt erst über die Hjaltastaðaþinghá, die weiträumige Schwemmebene der Flüsse Lagarfljót und Selfljót die ein paar Kilometer weiter nördlich in die Grönlandsee münden. Danach windet sich die Strasse auf zum Teil ausgesetzten Passagen über den zurzeit in dichten Nebel gehüllten Pass Vatnsskarð eystra und dann der Küste entlang nach Bakkagerði. Der für den kleinen Ort unerwartet grosse Campingplatz befindet sich bei der Kirche am Dorfrand und direkt am Fuss des Elfenhügels Álfaborg, die gemäss isländischen Überlieferungen der Sitz der Elfenkönigin ist. Genaueres dazu ist unter dem folgenden Link zu finden.



Tatsächlich begrüsst uns der nächste Morgen mit strahlendem Sonnenschein. Erst jetzt realisieren wir, wie malerisch Bakkagerði in einer Bucht des Fjords gelegen ist. Die Gipfel der bis zu 1200 Meter hohen Berge des Dyrfjöll im Hintergrund der kleinen Ortschaft sind frisch angeschneit, was aufzeigt, dass der Winter nicht mehr weit sein kann. Umso mehr freuen wir uns über die warmen Sonnenstrahlen, während wir den etwa zehn Kilometer entfernten Hafen erkunden. Dieser ist für die Grösse des Ortes unerwartet gut ausgebaut. Die Erklärung dafür liegt bei den Felsen Hafnarhólmi, an dessen Hängen während des Sommers tausende von Seevögeln ihre Jungen grossziehen. Darunter auch eine Vielzahl von Papageientauchern. Diese attraktiven Vögel haben die Insel jedoch schon gegen Ende August verlassen, um den Winter auf hoher See zu verbringen.


Auf dem Rückweg zur Ringstrasse liegt der Pass immer noch im Nebel und es regnet. Auf der anderen Seite der Bergkette scheint die Sonne milchig durch die Wolkendecke. Dank der durchwegs asphaltierten Strasse sind wir bald zurück in Egilstadir und befinden uns somit nicht allzu weit von der Schlucht Stuðlagil. In der Hoffnung, dass die Basaltsäulen jetzt in ihrer ganzen Länge zu sehen sind, beschliessen wir, die Schlucht nochmals aufzusuchen. Nach ca. einer Stunde zügiger Fahrt und einem Spaziergang von etwa drei Kilometern entlang der Jökla erreichen wir die ca. 500 Meter lange Schlucht. Und wirklich zeigen sich die spektakulären Säulen in ihrer ganzen Pracht. Ein beeindruckendes Schauspiel, das uns die Natur hier bietet – allerdings kräftig unterstützt vom Energiebedarf Islands…




Den Tag schliessen wir am frühen Abend in Reykjahlíð am Ufer des Mývatn ab. Die Fahrt auf der Ringstrasse über die Hochebenen ist bei den wechselhaften und zuweilen fast wintrigen Verhältnissen ein Erlebnis für sich und im Gegensatz zu unserem ersten Aufenthalt in Reykjahlíð präsentiert sich die Natur nun in leuchtenden Herbstfarben.


Unsere Fahrt über den östlichen Teil des Arctic Coast Way beginnt am nächsten Tag in Húsavík. Wie schon im August fühlen wir uns in dieser kleinen, betriebsamen Hafenstadt sehr wohl. Den Luxus eines Bades in einem «gehobenen» Thermalbad haben wir bis dato aufgeschoben. Das Thermalbad GeoSea in Húsavík scheint uns nun der richtige Ort zum richtigen Zeitpunkt, um dieses Versäumnis nachzuholen. Das GeoSea stellt sich als gute Wahl heraus. Die Architektur ist erstklassig, der Empfang herzlich, die Einrichtung top modern und alles ist blitzsauber. Darüber hinaus ist die Sicht vom Infinity Pool aufs Meer unschlagbar. Tiefenentspannt verlassen wir diese Wohlfühlinsel nach ein paar Stunden und runden den Tag beim Campingplatz 66.12° North mit einem Glas Wein ab.
Der Nordosten Islands ist touristisch noch kaum erschlossen und wird entsprechend selten von Reisenden besucht. Jetzt gegen Ende September ist die touristische Saison in diesem Teil Islands abgeschlossen und meist sind wir die einzigen Touristen, die hier unterwegs sind. Die faszinierenden Landschaften und die Fülle von Eindrücken, die uns der Nordosten bietet, nehmen wir jetzt nach fünf Wochen auf Island schon fast als selbstverständlich zur Kenntnis.

In Kópasker teffen wir auf Werke der Künstlerin Sigurlína J. Jóhannesdóttir. Jede ihrer aus Treibgut geschaffenen lebensgrossen Puppen hat eine Geschichte und teils stellen sie Begebenheiten aus der Sagenwelt Islands dar. Solche Puppen sind auch an anderen Orten auf der Melrakkaslétta Halbinsel anzutreffen. Ursprünglich waren die Figuren als Vogelscheuchen gedacht. Im Laufe der Zeit haben sie jedoch eine gewisse Berühmtheit erlangt und mittlerweile haben sie sich zu einer Attraktion der Halbinsel entwickelt.

Wie Siglufjörður weiter im Westen war Raufarhöfn ab Anfang des 20. Jahrhunderts eine geschäftige und florierende Kleinstadt, die von der Heringfischerei lebte, bis diese gegen Ende der 1960er Jahre kollabierte. Seither muss sich auch Raufarhöfn neu definieren und richtet sich ebenfalls vornehmlich auf den Tourismus aus. Ein Indiz dafür ist die während der letzten paar Jahre von einer Privatperson errichtete Steinformation Arctic Henge.




Das Städtchen Vopnafjörður erleben wir nach den bisherigen eher winterschlafähnlich ruhigen Orten als lebhaften und sympathischen Ort. Auch ist der kleine, gut ausgestattete und sehr schön gelegene Campingplatz noch geöffnet.

Anderntags zeigt sich die Sonne leider nicht und die mit Neuschnee bedeckten Berggipfel hüllen sich in dichten Nebel. Unsere heutige Fahrt wird uns auf der 917 über den Pass Hellisheiði Eystri auf die andere Seite des Gebirgszuges, dann der Jökla entlang zur Ringstrasse und weiter nach Egilstadir bringen.
Vorerst gehört unsere Aufmerksamkeit jedoch dem Torfhof Bustarfell. Die Torfhäuser sind seit dem 16. Jahrhundert in Familienbesitz. Die Siedlung ist als Museum öffentlich zugänglich. Die Torfhäuser und auch das dazugehörige hübsche Restaurant sind schon für den Winter geschlossen. So ist es nicht verwunderlich, dass wir allein hier sind. Umso mehr strahlt der Ort Ruhe, Harmonie und viel positive Energie aus.


Nach diesem angenehmen Auftakt in den neuen Tag geht es zurück auf die 917. Die asphaltierte Strasse geht nach ein paar Kilometern in eine befestigte Piste über. Diese führt in engen Kurven und mit Steigungen von bis zu 15% auf den schneebedeckten Pass. Genauso steil und eng geht es auf der anderen Seite zurück auf Meereshöhe. Unterhalb der Nebelgrenze überrascht uns eine grossartige Sicht auf die Bucht Héraðsflói, den ca. 25 Kilometer langen tiefschwarzen Strand Héraðssandar und das weiträumige Delta, das von den Flüssen Jökla, Lagarfljót und Selfljót geschaffen wurde, die hier in die Grönlandsee münden.

Auf der gut präparierten knapp 50 Kilometer langen Piste entlang der Jökla begegnen uns knapp eine Handvoll Autos. Die tiefhängenden Wolken verleihen dem Fluss und seinen Schwemmebenen mit ihren herbstlich leuchtenden Gräsern und Kleinsträuchern eine mystische Qualität. Nach einer entspannten Fahrt durch just dasselbe Delta wie vor einer Woche, allerdings auf der anderen Seite der Flüsse, erreichen wir die Ringstrasse. Hier endet der zweite Teil unserer Fahrt über den Arctic Coast Way. Wir haben den Nordosten Islands als sehr attraktiven und vor allem auch für Wanderungen lohnenswerten Teil Islands erlebt.

Da das Wetter für den Rest unserer Zeit auf Island bescheiden ausfallen wird, werden wir bis zum Auslaufen unserer Fähre in der Umgebung von Seyðisfjörður bleiben. Das bedeutet, dass wir unsere letzten Nächte auf Island auf dem sympathischen Campingplatz beim Guesthouse Hengifoss verbringen werden, also genau dort, wo wir das erste Mal übernachtet haben.
Das Wetter motiviert weder zum Wandern noch zu sonstigen Entdeckungsreisen. Da sich auf unserer Reise Fragen ergeben haben, auf die wir noch keine Antworten gefunden haben, schauen wir nochmals im Snæfellsstofa Visitor Center vorbei. Mit der jungen Frau, die hier bis Ende Saison die Stellung hält, ergibt sich eine spannende Unterhaltung. Wir erhalten interessante und aufschlussreiche Informationen zur aktuellen Situation der isländischen Bevölkerung, zur wirtschaftlichen Lage und der Wechselwirkung zwischen den sich konkurrenzierenden Interessen von Wirtschaft und Natur.
Unter anderem erfahren wir, dass der See Lögurinn früher eine leuchtend grüne Farbe hatte. Seit der Fertigstellung des Staudamms und des Kraftwerkes Kárahnjúkar werde das Wasser aus dem Hálslón Stausee nach seiner Nutzung zur Energiegewinnung durch einen Kanal in den See geleitet. Durch die mitgeführten Sedimente habe sich die Farbe des Sees zum Leidwesen der Bevölkerung in ein dumpfes silbriges Grau verändert. Überhaupt sei der Bau des Hálslón Stausees ein umstrittenes Projekt gewesen, da dieser in einem Schutzgebiet erstellt worden sei. Der Bau habe in der Bevölkerung viel Widerstand hervorgerufen und werde kontrovers diskutiert.

Beeindruckt von so viel Motivation und dem Engagement der jungen Frau verabschieden wir uns nach einer guten Stunde und gehen im Restaurant nebenan essen. Das Restaurant befindet sich im ehemaligen Wohnhaus des berühmten isländischen Schriftstellers Gunnar Gunnarsson (1889–1975). Dieser liess das Haus bauen, als er 1939 von Dänemark nach Island zurückkehrte. Heutzutage wird das Haus als Museum und Ausstellungsort genutzt.
Im Restaurant werden hauptsächlich lokale und wie wir erfreut feststellen können, ausnahmslos äusserst schmackhafte Gerichte serviert. Das köstliche Essen in der behaglichen Atmosphäre des kleinen Restaurants ist ein stimmiger kulinarischer Abschluss dieser Reise.

Auf der Wohlfühlebene schliessen wir unseren Aufenthalt auf Island mit einem Bad im Hotpot bei der Laugarfell Highland Hostel im nahen Hochland ab. In aller Ruhe können wir im warmen Thermalwasser bei saisongerechtem Schneeregen noch einmal die Stille, die Einsamkeit und die Weite Islands geniessen.



Und schon ist unser letzter Tag auf Island gekommen. Um 20.00 Uhr läuft in Seyðisfjörður unsere Fähre aus. Das Wetter bessert sich. Allerdings ist der Pass von Egilsstaðir nach Seyðisfjörður gemäss Strassenzustandsbericht schneebedeckt und wir sind gespannt, wie sich die Fahrt zum Hafen anfühlen wird.
Aufgrund dichten Nebels und starkem Schneefall erweist sie sich als ziemlich anspruchsvoll. Entgegenkommende Autos schleudern und schlingern und am Strassenrand stehen im Schnee steckengebliebene Autos. Entsprechend langsam und konzentriert sind wir unterwegs. Ohne Zwischenfall erreichen wir den unerwarteterweise im Sonnenschein liegenden Hafen und damit die letzte Station unseres sechswöchigen Aufenthaltes auf Island.
Mit einem Spaziergang durch das Städtchen verabschieden wir uns von einem faszinierenden Land, das auf kleiner Fläche grandiose Landschaften, unzählige Naturphänomene und ausserordentliche Erlebnisse bietet.
Island ist ein ideales und sicheres Reiseland. Das Wetter spielt eine zentrale Rolle. Sobald sich Regen und Wind einstellen, sinken die Temperaturen rapide, was das Unterwegssein sofort anspruchsvoller macht. Wir hatten Glück und gutes und weniger gutes Wetter hielten sich in etwa die Waage, obwohl der Herbst während unserer Reise Einzug hielt. Die Infrastruktur, die wir benötigten, war meist in einem hervorragenden Zustand.
Die Bevölkerung Islands ist freundlich, aufgeschlossen und sehr hilfsbereit und wir freuten uns über die offenen und erfrischenden Kontakte, die immer wieder möglich waren. Wir fühlten uns der Erde, der Natur und ihren sichtbaren und unsichtbaren Wesen sehr nahe.




Fazit: Island ist mindestens eine zweite Reise wert!














































































































































































































