Saudi-Arabien – Riyadh und Umgebung

11.12.2022 –22.12.2022

Schon auf unserer letzten Etappe nach Riyadh zeigt sich, dass die Niederschläge unterschiedliche Reaktionen auslösen und Spuren hinterlassen. So können wir viele Einheimische beobachten, die erfreut über den Regen mit ihren Autos in die «Wadis»* fahren, um das nasse und kühle Ereignis in freier Natur zu geniessen. Die Kehrseite der Medaille ist, dass beim Fahren nochmals mehr Vorsicht geboten ist, da sich die staubigen Strassen bei Einsetzen des Regens in Rutschbahnen verwandeln.
*Wadis sind mehr oder weniger weite und/oder tiefe Täler, die bei Regen innert kürzester Zeit viel Wasser führen können, das sich zu reissenden Bächen entwickeln und sich in Senken stauen und Seen bilden kann.

Unsere Fahrt quer durch Riyadh wird in der Agglomeration jäh durch eine wegen Hochwassers gesperrte Autobahnbrücke unterbrochen. Was folgt ist ein autofahrerischer Albtraum, durch Schlamm, Löcher und Pfützen, die sich entlang überfluteter Strassen zu undefinierbar tiefen Teichen entwickelt haben. Wir passieren mehrere Unfälle, finden dann – dem Navigator sei Dank – einen Weg zurück auf die Hauptstrasse. Mit einigen Stunden Verspätung erreichen wir fix und fertig und mit viel Glück unbeschadet unser Tagesziel am anderen Ende der Stadt. Bei Einbruch der Dunkelheit finden wir in der Nähe eines meistens leeren Stausees einen geeigneten Platz für die Nacht. Wir lehnen uns zurück, geniessen das leise Rauschen des nahen Baches und studieren nochmals die für morgen geplante Route zum «Edge of the World».

Am Morgen stellen wir dann allerdings fest, dass der Bach ein Resultat der Niederschläge ist und hier eigentlich nur eine leichte Senke (siehe*) ist. Da wir auf unserem Weg zum «Edge of the World» mit grösster Wahrscheinlichkeit noch mehr Hochwasser bedingte Überraschungen erleben würden, ersparen wir uns und Churi eine Versuchsfahrt und verschieben das Vorhaben auf später. Umplanen ist angesagt und schon bald sind wir auf dem Weg nach «Buraydah» zum grössten Kamelmarkt Saudi-Arabiens. Dieser startet früh morgens. Die (fast) ausnahmslos männlichen Anwesenden sind Kamelbesitzer und -händler, die sich eifrig an den Auktionen beteiligen, an denen Kamele unterschiedlichsten Alters und in Farbschattierungen von weiss bis schwarz in lautstarken Händeln den Eigentümer wechseln. Umgehend werden die Tiere von Gastarbeitern routiniert auf Pickups oder Lastwagen verladen. Fasziniert beobachten wir den Trubel, in dem ausser mir keine einzige Frau zu entdecken ist.

Bedeutend weniger Freude bereitet mir der Umstand, dass sich während meines offenbar etwas zu knusprigen Frühstücks eine meiner Zahnfüllungen verabschiedet hat. So nimmt Markus auf der Fahrt zurück nach Riyadh Kontakt zum «Frosch» auf, dessen Crew ihre Beziehungen spielen lässt und uns innert Kürze die Adresse eines Zahnarztes übermittelt. Zurück in Riyadh stellen wir unser Auto am frühen Nachmittag auf dem vorgesehenen Standplatz neben den «Frosch», rufen ein Uber-Taxi und zwei Stunden später bin ich stolze Besitzerin einer perfekten, nach neuesten Standards und äusserst professionell eingesetzten neuen Füllung. Zur Abrundung des Tages fahren wir per Taxi zum 302 Meter hohen «Kingdom-Centre» (auch Flaschenöffner genannt). Von dessen «Sky-Bridge» können wir einen fantastischen Rundblick auf die Grossstadt Riyadh geniessen.

Anderntags besuchen wir den am nordwestlichen Stadtrand von Riyadh gelegenen Stadtbezirk «Diriyah» der heute gegen 34’000 Tausend Einwohnende hat. Das ursprüngliche Diriyah liegt wie das heutige Riyadh direkt am «Wadi Hanifa» und besteht aus niedrigen Lehmbauten. Die Oasenstadt Diriyah wurde 1446 gegründet und gilt als historische Gründungsstätte von Riyadh. Im Jahr 1818 wurde Diriyah im Laufe kriegerischer Auseinandersetzungen angegrieffen und ein Jahr später zerstört. Der Ortsteil «At-Turaif» war das letzte Zentrum dieser Stadt. Die Ruinen von At-Turaif wurden mit riesigem Aufwand und nach neusten Erkenntnissen restauriert und sind seit 2010 UNESCO-Welterbe. Die Restaurierungsarbeiten wurden erst vor Kurzem abgeschlossen und Anfang Dezember 2022 wurde der Ort für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. At-Turaif scheint zurzeit das historisch, kulturell und touristisch bedeutendste Vorzeigeobjekt des Königreiches zu sein. Wir werden von einer jungen aufgeschlossenen Saudi durch die Anlage geführt. Sympathisch und professionell vermittelt sie die geschichtlichen Begebenheiten und den Prozess der Restaurierung der Bauten. Ein Teil der alten Stadt ist als lebendes Museum gestaltet. Einheimische füllen Gebäude und Gassen mit fröhlichem, teils ziemlich lautstarkem Leben und anschaulich werden diverse Sitten und Gebräuche vergangener Zeiten erklärt. Nach Sonnenuntergang sind wir zu einer Lichtschau eingeladen. Mit vielen Superlativen und noch mehr nationalistischem Pathos untermalt, werden die wichtigsten geschichtlichen Ereignisse rund um Diriyah auf die Ruinen projiziert, wodurch diese für kurze Zeit zum Leben erweckt werden. Der Abend ist ein äusserst informativer und stimmiger Ausflug in die Geschichte Saudi-Arabiens. Angrenzend an die historische Stadt wird zurzeit eine riesige Hotelanlage gebaut, die künftigen zahlungskräftigen Touristen direkt vor Ort alle denkbaren Annehmlichkeiten ermöglichen soll.

Ein weiteres historisches Wahrzeichen Saudi-Arabiens ist das 1865 auf einem Steinfundament aus Lehmziegeln erbaute «Masmak Fort». Im Jahr 1902 wurde das Fort vom jungen Emir Abd al-Aziz ibn Saud von den Al Raschid aus Ha’il zurückerobert und diente bis 1938 als Regierungssitz des Königreiches.

Mit dieser zusätzlichen Portion Geschichte und einem Spaziergang durch den alten Souk von Riyadh schliessen wir unsere Tage in der Hauptstadt Saudi-Arabiens ab. Früh am nächsten Morgen starten wir einen neuen Versuch das «Edge of the World» zu erkunden. Nach einer Pause am mittlerweile zu einem Rinnsal gewordenen Bach stehen wir nach ca. zweieinhalbstündiger Fahrt über eine recht anspruchsvolle Off-Road-Strecke vor der ersten von mehreren Sandbarrieren. Diese wurden von den Saudis aus Sicherheitsgründen errichtet, da es am «Edge» mehrere tödliche Unfälle gegeben habe. Aus Rücksicht auf Churi versuchen wir erst gar nicht, die Wälle fahrend zu überwinden und machen uns zu Fuss auf die restlichen ca. vier Kilometer bis zum «Edge». Dort fällt das Gelände senkrecht in die Tiefe. Unten erstreckt sich die Ebene (ehemaliger Meeresboden) in weitem Bogen um die Felsformationen in unendliche Weiten. Wir lassen uns Zeit und geniessen die Wirkung und Ausstrahlung dieses aussergewöhnlichen Ortes in vollen Zügen. Zurück beim Bächlein beschliessen wir, nochmals hier zu übernachten und uns erst am nächsten Morgen auf den Weg zum «King Abdulaziz Camel Festival 2022» zu machen.

Dort angekommen entdecken wir auf einer Erkundungsfahrt durch das Festival-Gelände den «Frosch» und bald schon stossen wir auch auf das dazugehörige junge Paar. Dieses wurde in der Zwischenzeit eingeladen, die Zeit am Festival in Begleitung eines kundigen Saudis zu verbringen. Wir werden mit eingeladen und sind gespannt auf den nächsten Tag. Dieser bringt überraschende Perspektiven und bleibende Eindrücke rund um die saudische Tradition der Kamelrennen und der damit verbundenen Festivitäten. Der Abschluss des Tages bildet dann der Final der Fussballweltmeisterschaft, den wir inmitten von saudi-arabischen Männern vor der Grossleinwand auf dem Festgelände mitverfolgen können.

Tags darauf ist es für uns an der Zeit, Saudi-Arabien vorübergehend zu verlassen und so fahren wir zügig Richtung omanische Grenze. Nach drei Übernachtungen und einer Strecke von gut 1’300 Kilometern erreichen wir die Grenze. Ca. 650 Kilometer der Fahrt führen durch einen Teil der «Rub al-Khali», was soviel wie «leeres Viertel» bedeutet. Bei der Rub al-Khali handelt es sich um die grösste zusammenhängende Sandwüste der Welt mit ca. 650’000 km2. Sie liegt im Grenzgebiet von Saudi-Arabien, Oman, Jemen und der United Arab Emirates. Ihrer schieren Grösse und Unzugänglichkeit wegen ist sie noch immer nicht erforscht. Allerdings liegt unter ihr eines der weltweit grössten Ölfelder, womit es vermutlich nur eine Frage der Zeit ist, bis auch diese Wüste erschlossen wird. Unsere Route führt durch saudisches Gebiet auf einer erst Ende 2021 eröffneten Strasse, die uns eine atemberaubend schöne, wenn auch unwirtliche und lebensfeindliche Gegend eröffnet. Die sich zu veritablen Gebirgen auftürmenden Dünen wechseln sich farblich von strahlend weiss über orange bis rot ab und reichen oftmals bis an die Strasse. Dank des kürzlichen Regens schmückt sich die Wüste streckenweise mit leuchtendem Grün, gelben Blüten und frischen kleinen Wasserflächen.

Die Ausreise aus Saudi-Arabien wie auch die Einreise in den Oman gehen ohne Probleme über die Bühne und nach zwei Stunden starten wir am 22. Dezember 2022 voller Erwartungen unsere Reise durch den Oman.